Braucht eine ATMOS Uhr Öl?

Immer wieder begegnet man dem sich hartnäckig haltenden Gerücht, dass auch eine Atmos-Uhr – das richtige synthetische Wunder-Mittelchen vorausgesetzt – an verschiedenen Stellen geölt werden muss. Dem ist nicht so. Anders als bei vielen anderen Uhren, ist die Atmos-Uhr sozusagen eine Ausnahme-Erscheinung: Keines der Zahnräder oder der sehr feinen Drehzapfen oder Rubine benötigt Öl, um (Obacht: Wortspiel!) „reibungslos“ zu laufen. Weder klassische Öle die im Bereich der Grossmechanik verwendet werden, noch moderne synthetische Öle, wie man sie in der Mikromechanik benutzt, verhelfen der Atmos-Uhr zu ihrem grazilen Schwung. Vielmehr ist das Gegenteil der Fall: Bereits winzige Mengen Öl in einem der Rubine kann zu starken Gangungenauigkeiten und deutlich schnellerem Amplitudenverlust führen. Schlimmstenfalls bleibt die Uhr einfach stehen!

eine Werk Kal 526/5

eine Werk Kal 526/5 „in Öl gebadet“ und verklebt..

Öl wird in der Mechanik vor allem dort verwendet, wo sich Teile schnell bewegen und dadurch z.B. eine hohe Temperatur entsteht oder die Abnutzung stark beeinflusst wird. Hier werden klassische Öle verwendet (meist: Klauenöl), um eine schmierende Wirkung zu erzielen oder z.B. im Motorenbau hohe Reibungstemperaturen in Schach zu halten. Der große Nachteil der klassischen Öle ist der schnelle Verschleiss: Nach relativ kurzer Zeit beginnen klassische Öle zu verdicken und zu verharzen. In der Geschichte der Uhrmacherei hat man mit verschiedenen Mittelchen versucht gegen diesen Verschleiss anzukämpfen, z.B. durch alterungshemmende Stabilisatoren, die das Öl relativ alterungsstabil machen. Jedoch verlieren auch diese Stabilisatoren zeitbedingt ihre Wirkung und das klassische Öl verläuft langfristig eine progressive Alterungskurve.

Mit der Entwicklung synthetischer Öle hat sich für die Uhrmacherei eine neue Pforte aufgetan. Eine deutlich höhere Alterungsbeständigkeit bezeichnet die Kerneigenschaft synthetischer Öle. Durch Zugabe von Additiven wurde auch die Schmierfähigkeit auf ein Level angehoben, die auch schwierigen Reibungsverhältnissen gerecht wird. (weitere Informationen z.B. unter: http://www.info-uhren.de & http://www.dr-tillwich.com/)

Für die Atmos-Uhr sind aber auch diese fortschrittlichen Öle nicht gut genug. Verschiedene Faktoren sind der Grund dafür, dass die Atmos-Uhr fast völlig ohne Öle auskommt. Mitunter ist das Werk der Atmos-Uhr häufig den unterschiedlichsten atmosphärischen Begebenheiten und Schwankungen ausgesetzt und das für eine sehr lange Laufzeit (mitunter über 30 Jahre am Stück (!)). Hier verharzen auch die besten synthetischen Öle.

Vordergründig ist eine Atmos-Uhr aber aus einem anderen, sehr simplen Grund „Öl-frei“: Sie braucht schlicht und ergreifend kein Öl. Die in der Uhrenwelt einzigartige Laufruhe mit nur 120 Halbschwingungen pro Stunde (2 Halbschwingungen pro Minute; das entspricht einer Frequenz von 0,01666 Hz), lässt die fragilen Zahnräder so behutsam ineinandergreifen, dass ein Verschleiss selbst über viele Jahrzehnte nicht festzustellen ist. Mitunter ist das einer der Hauptgründe für die vergleichsweise weit auseinander liegenden Wartungsintervalle (je nach Modell und Zustand nach unserer Erfahrung variieriend zwischen 10-25 Jahren). Die ruhigen Bewegungen der Atmos verleihen der Uhr also nicht nur ihre Eleganz, sondern auch ihre Langlebigkeit.

Eine Atmos-Uhr kommt deswegen bereits aus der Manufaktur so „trocken“ wie möglich. Die einzelnen Zahnräder und Zapfen sind nahezu klinisch rein. Das einzige Schmiermittel, was Sie an einer Atmos-Uhr finden sollten befindet sich gut versteckt im Federhaus. Dort sitzt eine Federschnecke, die einen hauchdünnen Film synthetisches Öl trägt, der garantiert, dass die Feder auch über Jahre rostfrei bleibt und ihren Dienst in der Atmos verrichten kann.

Zum Abschluss noch etwas zum schmunzeln. Häufig bekommen wir Uhren zur Revision / Reparatur (oft aus den Vereinigetn Staaten). Dabei sind wir manchmal entsetzt, was dort mitunter mit Atmos-Uhren so veranstaltet wurde. Allen voran scheint das Silikonspray a) keinem Haushalt zu fehlen und b) als vermeintliche Wunderwaffe für Atmos-Uhrwerke zu gelten. Aber auch andere Öle / Sprühöle kommen (leider) immer wieder zum Einsatz, was den Reinigungsvorgang intensiv werden lässt. Dass Silikonspray hier fehl am Platze ist, muss ich am Ende dieses Artikels wohl nicht mehr extra betonen. Zum Abschluss noch ein kleines Bild, wie eine Werkplatine nach Abnahme der Zahnräder nicht aussehen sollte: